„Nach 37 wunderbaren Jahren“: Angebliche Familienbetriebe täuschen mit Geschäftsaufgabe und Ausverkauf
Ein angeblicher Traditionsladen mit lokalem Bezug kündigt seine Schließung an. Alles muss raus, bis zu 80 Prozent Rabatt. Seit Ende August verbreitet sich diese Masche in deutschen Onlineshops. Die Verbraucherzentrale Niedersachsen warnt davor. Hinter „Anna Berlin“, „Emma Frankfurt“ und ähnlichen Namen stecken keine Familienbetriebe, sondern Firmen in Hongkong, den USA oder Portugal. Einige der Shops sind auch am 5. September noch erreichbar.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Verbraucherzentrale Niedersachsen warnt seit dem 28. August vor Onlineshops, die sich als regionale Familienbetriebe ausgeben und eine Geschäftsaufgabe ankündigen (Pressemitteilung).
- Die Shops werben mit Rabatten von 50 bis 80 Prozent und emotionalen Geschichten über eine jahrzehntelange Familientradition. Laut Impressum sitzen die Betreiber in Hongkong, Wyoming (USA) oder Portugal (Übersicht der Verbraucherzentrale).
- Zu dieser Welle gehören unter anderem: anna-berlin.de, mathilde-muenchen.de, emma-frankfurt.de, stefanberlin.com. Auch emiliaberlin.de oder johannawien.com sind nach demselben Schema aufgebaut.
- Am 5. September sind mehrere dieser Seiten weiterhin online, darunter emma-frankfurt.de, emiliaberlin.de und stefanberlin.com. anna-berlin.de ist inzwischen nicht mehr erreichbar.
- Wer Ware bestellt, erhält häufig Importware, die den Erwartungen nicht entspricht. Wegen hoher Rücksendekosten ins Ausland ist ein Widerruf in der Praxis oft wirtschaftlich kaum sinnvoll.
Die Warnung der Verbraucherzentrale Niedersachsen
„Nach 37 wunderbaren Jahren beginnt für uns ein neues Kapitel“, stand Ende August auf anna-berlin.de. Noch für kurze Zeit sollten Kundinnen und Kunden hochwertige Kleidung zu stark reduzierten Preisen erhalten. Kathrin Bartsch, Rechtsexpertin der Verbraucherzentrale Niedersachsen, erklärt dazu: „Das Muster ist immer gleich. Eine emotionale Inszenierung soll Vertrauen aufbauen, die angeblich befristete Rabattaktion zum schnellen Kauf animieren.“
Und weiter: „Wer bis ans Ende der Seite scrollt, sieht: Der Firmensitz von ‚mathilde-muenchen‘ ist in Wyoming, bei ‚emma-frankfurt‘ und den angeblichen Berliner Shops ist eine Adresse in Hongkong angegeben.“ Auch Rücksendeadressen in asiatischen Ländern gehören zu dieser Masche. Entspricht die Ware dann nicht den Erwartungen, ist ein Widerruf wegen der hohen Kosten für die Rücksendung meist wirtschaftlich kaum sinnvoll.
So funktioniert die Masche
Der Aufbau ist fast immer derselbe. Eine Boutique mit deutschem Vornamen und Städtenamen präsentiert eine emotionale Firmengeschichte: Jahrzehntelange Leidenschaft, nun sei Schluss, das Atelier schließe. Dazu kommen hohe Rabatte und künstlicher Zeitdruck. Die Bilder von Familien, Großeltern oder „besten Freundinnen“ wirken professionell. Die Verbraucherzentrale geht davon aus, dass einige davon mit KI erzeugt wurden.
Ein Detail zeigt, wie nachlässig die Betreiber vorgehen. Auf emma-frankfurt.de stand am 5. September der Abschiedstext eines anderen Shops. Die Seite kündigte an, „Stefan Berlin“ schließe nach 38 Jahren sein Atelier. Verkauft wurde dort aber unter dem Namen „Emma Frankfurt“. Derselbe Text wird offenbar für mehrere Shops wiederverwendet. emiliaberlin.de meldet sich mit „Nach 30 wunderbaren Jahren ist es Zeit, Auf Wiedersehen zu sagen“. Seit 1996 habe man die Boutique aufgebaut, heißt es dort. Diese Angabe lässt sich nicht belegen.
Wer wirklich dahintersteht
Die Verbraucherzentrale nennt folgende Betreiber aus den Impressen:
- stefanberlin.com: THE BIGGEST ENTERPRISES Limited, Hongkong
- anna-berlin.de: SOLVIAN LIMETED, Hongkong
- mathilde-muenchen.de: CAVALEIRUS LLC, USA
- emma-frankfurt.de: Cordeiro Enterprises Limited, Hongkong
Eine Prüfung vom 5. September bestätigt diese Angaben. Auch emiliaberlin.de nennt SOLVIAN LIMITED mit einer Adresse in Sheung Wan, Hongkong. Diese Firma hat die Verbraucherzentrale hinter anna-berlin.de identifiziert. Bei emma-frankfurt.de wird „Operated by Cordeiro Enterprises Limited“ angegeben. Die Betreiber wechseln also Namen und Domains, geben aber weiterhin dieselben Firmen als Betreiber an.
Woran Sie die Masche erkennen
- Scrollen Sie auf der Seite ganz nach unten. Ist dort eine Firma in Hongkong, Wyoming oder Portugal angegeben, passt das nicht zu einem Berliner Familienbetrieb.
- Prüfen Sie die Rücksendeadresse. Liegt sie in Fernost, wird ein Widerruf teuer und meist sinnlos.
- Seien Sie misstrauisch bei Geschichten über jahrzehntelange Tradition, die mit Rabatten von 50 bis 80 Prozent und Zeitdruck verbunden sind.
- Prüfen Sie die Domain. Wenn die Website eines angeblichen Traditionsbetriebs erst seit wenigen Tagen besteht, ist die Behauptung einer jahrzehntelangen Tradition kaum glaubwürdig.
- Nutzen Sie den Fakeshop-Finder der Verbraucherzentralen, bevor Sie bestellen (warnung.fakeshop-finder.de).
Was Sie tun können
Haben Sie bereits bestellt und bezahlt, sammeln Sie Belege. Wenden Sie sich an Ihre Bank oder den Zahlungsdienstleister, wenn die Ware ausbleibt oder nicht der Beschreibung entspricht. Erklären Sie den Widerruf schriftlich, auch wenn die Rücksendung teuer wird, und dokumentieren Sie alle Schritte.
Diese Shops sind auf Meldeportalen wie Betrugsalarm bislang kaum verzeichnet. Wer auf einen solchen Shop gestoßen ist, kann ihn kostenlos melden und andere warnen:
